Der Change im Change

Von Stefan Heer

An einem Blogbeitrag zum Thema Change kann man sich die Zähne ausbeissen. Zwei Drittel der Change Projekte im Softwarebereich gehen schief (CHAOS Report 2015). Oder etwas spezifischer: Zwei Drittel dieser Projekte erreichen die gesteckten Ziele nicht und hinterlassen einen unzufriedenen Kunden. Was will man als Change Profi zu solchen Fakten sagen? Fake news – bei mir wäre das nicht passiert! Wir Change Experten leben ja vom Vertrauen der (glücklichen) Kundschaft. Unser Business Case ist, dem Kunden Unsicherheit abzunehmen: Vertrau mir, du bist bei mir in guten Händen. Dem Kunden gegenüber gilt es also Sicherheit zu vermitteln. Innerhalb von Change Projekten pflegen wir unseren Kunden jedoch das genaue Gegenteil beizubringen: Fehler machen ist wichtig, es gehört zum Change dazu! Oder mit Tom Koulopoulos gesprochen: Es geht nicht darum die Zukunft vorherzusagen, es geht darum, sie zu überleben. Ja was denn jetzt? Braucht es Vertrauen in die Zukunft oder ist eine gute Prise Unsicherheit überlebenswichtig?

Letzteres, würde Nassim Taleb sagen: Er beschäftigt sich intensiv mit der Unvorhersehbarkeit der Zukunft, und erzählt die Geschichte vom Thanksgiving Truthahn: Truthähne sind scheue Wesen, sie wissen nicht so recht, was der Mensch, der sie jeden Tag füttert, von ihnen will. Mit jeder Fütterung steigt ihr Vertrauen, dass der Mensch gut ist. Am Tag vor Thanksgiving ist sein Vertrauen, dass der Mensch und seine Zukunft gut sind, am höchsten.

Die Welt ist im Wandel, klar. Doch auch der Change ist im Change. Wie stark sollen wir als Change Profis Sicherheit vermitteln – und wie stark sollen wir unsere Instrumente und Ansätze hinterfragen? Wohl beides zu seiner Zeit. In einem Berufsverband, wenn wir unter unseresgleichen sind, plädiere ich jedoch stark dafür, vermehrt letzteres zu tun. Der Mini-Event war ein schöner Versuch in diese Richtung. Ein Fazit war, dass Change Berater Profis der Unsicherheit sind – diese Unsicherheit aber auch bei sich selbst zulassen sollten. Wer zu sicher ist, lernt nicht mehr dazu (während sich die Welt wacker weiterverändert).

Viele Change Methoden sind robust: sie bahnen einen Weg durch die Change-Kurve, sie trotzen Unvorhergesehenem und Widerständen. Für den oben zitierten Taleb ist Robustheit jedoch nicht die richtige Antwort auf Unvorhersehbarkeit. Seine Antwort heisst Antifragilität, also das Gegenteil von Fragilität. Fragiles wird geschwächt durch Einwirkungen von aussen. Antifragiles wird gestärkt.

Viele Organisationen suchen Sicherheit (Qualität, Zuverlässigkeit, Zertifizierungen usw.). Das ist die Welt des Robusten. Solche Organisationen scheuen Veränderungen, denn Veränderung bedeutet Unsicherheit. Sie entwickeln eine regelrechte Immunabwehr gegen Veränderung (und das Management wundert sich, warum man nicht innovativ ist). Robustes ist überlegen, solange sich die Umwelt nicht zu sehr ändert. Doch wehe die Regeln ändern sich – zum Beispiel an Thanksgiving. Dann verliert das Robuste weil es zu sehr an die eigenen Stärken glaubt und zu wenig gelernt hat, sich der Unsicherheit auszusetzen und anzupassen. Robustes besteht über lange Zeit, verliert plötzlich an Glanz und versinkt alsbald in der Bedeutungslosigkeit.

Sind jene Organisationen besonders erfolgreich, die antifragil funktionieren, sich also an Einwirkungen von aussen stärken können? Und falls ja, wie unterstützt man Organisationen als Change-Profi um da hinzukommen? Wie gehen wir selber mit Change um? Hätten wir die traktandierte Namensänderung von sgaop zu aopnetz als Stich ins Wespennest voraussehen müssen und haben diesbezüglich Fehler gemacht? Oder sind aus den Wespen Bienen geworden und dank dem herangetragenen Honig verstehen wir nun viel besser wer wir sind und was wir wollen? Hat uns das als Verband gestärkt oder geschwächt? Kann man Change Managen? Oder ist Change das, was passiert, während wir versuchen zu managen?

Auf solche Diskussionen freue ich mich in diesem Jahr – Zum Beispiel am nächsten Event oder auch in den Kommentarspalten.

Leave Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.