Zum Schwerpunktthema 2018: Psychische Gesundheit: Was hat die Arbeits- und Organisationspsychologie im Betrieblichen Gesundheitsmanagement zu suchen?

Von Julia Frey, Spezialistin Betriebliches Gesundheitsmanagement Conaptis GmbH

Wie kann die Arbeit gestaltet werden, damit die Mitarbeitenden langfristig gesund und leistungsfähig bleiben können? Salopp ausgedrückt ist das der Inhalt von betrieblichem Gesundheitsmanagement (BGM).*

Wie wichtig es ist dieser Frage nachzugehen erkennen wir insbesondere dann, wenn wir Konsequenzen beim Eintreffen vom Gegenteil, wenn Mitarbeitende krank und wenig leistungsfähig werden, genauer untersuchen. Wir wissen unter anderem Folgendes zu Mitarbeitenden aus der Schweiz, deren Gesundheit und Leistungsfähigkeit NICHT erhalten werden konnten:

  • Personen, die bei der Arbeit mehr Belastungen als Ressourcen erleben, fehlen beinahe doppelt so oft, wie Personen mit einem ausgeglichenen Verhältnis dieser beiden Faktoren (Gesundheitsförderung Schweiz, 2017).
  • Entwickelt jemand psychische Probleme, kommt es in rund 70 Prozent aller Fälle nach Beginn von psychischen Problemen zu einem Leistungsabfall bei der Arbeit (Baer et al., 2017).
  • 40 Prozent der jährlich zugesprochenen IV-Renten liegt eine psychische Krankheit zugrunde (Baer, et al., 2010).

Diese Zahlen zeigen auch, dass die psychische Gesundheit ein wichtiger Bestandteil eines jeden betrieblichen Gesundheitsmanagements ist.

Können durch gezielte Massnahmen aus dem BGM Belastungen reduziert und Ressourcen optimiert werden, verbessert das die Leistungsfähigkeit und reduziert die Absenzen am Arbeitsplatz. Durch diese Wirkungskette besteht ein ökonomisches Potenzial für Betriebe in der Schweiz von CHF 5,7 Mrd. (Gesundheitsförderung Schweiz, 2017). BGM kommt also den Beschäftigten und der Organisation gleichermassen zu Gute.

Doch zurück zur Ausgangsfrage: In welcher Beziehung steht nun die Arbeits- und Organisationspsychologie zum BGM?

Laut Definition sind das Erleben und Verhalten von Menschen bei der Arbeit und in Organisationen zentrale Gegenstände der Arbeits- und Organisationspsychologie. Ihre Aufgaben sind die Beobachtung, Beschreibung, Erklärung, Prognose und Gestaltung von Arbeits- und Organisationsprozessen (sgaop, 2018).

Vergleicht man nun diese Definition mit dem Inhalt vom BGM, sieht man, wie sie schön ineinandergreifen. Eigentlich muss beim Aufgabengebiet der A&O nur noch ein «gesundheitsförderlich» vor die «Gestaltung» geschoben werden, und schon hat man den Tätigkeitsbeschrieb einer im BGM tätigen Person. Aber natürlich gehen die Zusammenhänge über Wortspiele hinaus.

Einerseits liefert die Arbeitspsychologie das konzeptuelle Vorgehen für das BGM. Durch deren systematische Herangehensweise gelingt es, Zusammenhänge zwischen Arbeit, der Organisation und dem Verhalten am Arbeitsplatz zu erkennen. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund zentral, als dass hierbei der Mensch im Zentrum steht und somit Arbeitsgegenstand und Arbeitsausführer zugleich ist.

Andererseits liefert die A&O-Psychologie auch die inhaltlichen Konzepte. Sie forscht zu Zusammenhängen von Arbeitsbedingungen und Stress (in diesem Forschungsgebiet ist die Schweiz übrigens ganz vorne mit dabei), Belastungen und Ressourcen, Erholung und so weiter und so fort. Zudem verfügt sie mit den inhaltlichen Überlappungen zu ihrer Schwesterdisziplin, der klinischen Psychologie, über das zentrale Wissen, das herausfordernde Thema der psychischen Gesundheit in Betrieb anzugehen.

Durch diese Grundlagen gelingt es A&O-Psychologinnen und -Psychologen, BGM systematisch und wirkungsvoll umzusetzen. Dies ist besonders wichtig, da oft für finanzielle Mittel argumentiert werden muss und da ohne Systematik eingeführte Pauschalmassnahmen tatsächlich wirkungslos sein können (ein Apfelkorb allein führt kaum zu signifikant besserer Gesundheit der Belegschaft).

Abschliessend lässt sich Folgendes festhalten: Das betriebliche Gesundheitsmanagement ist ein Bereich, in dem die Arbeits- und Organisationspsychologie den Fokus auf die Gesundheitsförderung und Prävention legt und ihre Anwendung in ihrer reinsten Form findet.

 

Fusszeile:

* Gemäss Gesundheitsförderung Schweiz wird unter betrieblichem Gesundheitsmanagement (BGM) die Entwicklung integrierter betrieblicher Strukturen und Prozesse verstanden, welche die gesundheitsförderliche Gestaltung von Arbeit, Organisation und dem Verhalten am Arbeitsplatz zum Ziel haben und den Beschäftigen wie der Organisation gleichermassen zu Gute kommen (Bandura et al., 1999). Es geht also im betrieblichen Gesundheitsmanagement um ein umfassendes Konzept zur Prävention und Gesundheitsförderung, dass gleichermassen sowohl die Arbeitsbedingungen als auch das individuelle Gesundheitsverhalten berücksichtigt (Lümkemann, 2001).

 

Quellen:

Badura B., Ritter, W. & Scherf, M. (1999). Betriebliches Gesundheitsmanagement – ein Leitfaden für die Praxis. Berlin: Edition Sigma.

Baer, N., Frick, U., Auerbach, S., & Basler, M. (2017). „Der tägliche Wahnsinn “. Psychisch auffällige Mitarbeitende und ihr Problemverlauf aus Sicht von Deutschschweizer Führungskräften.

Baer, N., Frick, U., Fasel, T., & Wiedermann, W. (2010). „Schwierige “MitarbeiterInnen; Wahrnehmung und Bewältigung psychisch bedingter Problemsituationen durch Vorgesetzte und Personalverantwortliche. Bericht im Rahmen des Forschungsprogramms zu Invalidität und Behinderung (FoP-IV). Eine Pilotstudie in Basel-Stadt und Basel Landschaft Bundesamt für Sozialversicherung.

Gesundheitsförderung Schweiz. (2017). Job-Stress-Index 2016: Ein Viertel der Erwerbstätigen ist erschöpft und gestresst.

Lümkemann, D. (2001). Bewegungsförderung und Gesundheitsmanagement in Unternehmen. Personalführung, 34(9), 20-28.

sgaop. (2018). Was ist A&O-Psychologie?

 

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